ZüriCarneval: "Fleisch lebe wohl" - oder etwas Fasnachtsgeschichte für Eingefleischte


Historische Sensation: Die älteste ZüriGugge ist 118 Jahre alt

Mindesten legt das ein Stich aus dem Jahr 1891 nahe. Darauf ist bei der Fasnachtsfeier auf dem gefrorenen Zürichsee ein Vorläufer der Guggenmusik zu sehen. Pikanterweise liegt dieses Datum um einige Jahre vor dem Auftauchen der ersten Guggenmusiken in Basel. Überzeugt Euch selbst.
 


Ursprung der Fasnacht


Wer in ihrem Kern historische Feste auf neue Art feiert, hat gewiss auch Anspruch darauf zu wissen, worauf denn das überaus bunte und gelegentlich ausufernde Treiben, das jeweils weltweit zwischen dem 6. Januar und Aschermittwoch stattfindet gründet. Hier etwas Geschichte zu diesem Thema:

„Fastnacht“ kann man verstehen als „Vorabend der Fastenzeit“. Aber eigentlich kommt der Begriff von „fasen“, das ist ein altes Wort für „närrisch sein“. Erst viel später sprach man von Karneval: carne vale ist Lateinisch und heisst: Fleisch, lebe wohl. (Andere Deutungsmöglichkeit: carrus navalis bedeutet Narrenschiff.)

Der Ursprung der Faschingszeit geht bis ins 13. Jahrhundert zurück. In Köln sprach man schon im Jahr 1234 vom närrischen Treiben. Strassenumzüge hat es in Westfalen erstmals Anfang des 17. Jahrhunderts gegeben. Vor Beginn der 40-tägigen österlichen Busszeit haben die Christen die letzten Tage noch einmal richtig gut gegessen, getrunken, getanzt und gefeiert. Den Faschingssonntag nannte man damals „Herrenfastnacht“, der heutige Rosenmontag wurde „Bauernfastnacht“ genannt.

Die „katholische Narrenfreiheit“ kommt nicht von ungefähr. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Der Fasching hat als „Fest der verkehrten Welt“ eine unverrückbare Stellung im christlichen Kalender. Unlösbar ist er mit dem Aschermittwoch und der folgenden Fastenzeit verbunden. Ohne diesen Hintergrund wäre der Fasching gar nicht denkbar. Das närrische Treiben und zahlreiche damit verbundene Faschingsbräuche können sich nachweislich auf das Zweistaatenmodell des heiligen Augustinus berufen: auf der einen Seite das „Reich Gottes“ (civitas die) und auf der anderen Seite das „Reich Satans“ (civitas diaboli). In einer kurzen Zeit, eben im Fasching, kann das vergängliche „Reich Satans“ sich in aller Flüchtigkeit, Farbigkeit, mit drastischer Übertreibung und Narrenprunk entfalten. So sah es jedenfalls das Mittelalter. Es ging im Fasching denn dementsprechend auch um einiges deftiger zu als heutige Animateure und Faschingsdesigner sich das auszudenken wagen.

Heftig wurde immer wieder darüber gestritten, ob der Fasching tatsächlich eine „höchst christliche und wahrhaft katholische Institution“ sei, wie es wohlwollend im vorigen Jahrhundert der Mainzer Bischof Paul Leopold Haffner sah. Es gab sogar päpstliche Empfehlungen, so die von Martin IV. im Jahre 1284, die Gläubigen sollten „etliche Tage Fastnacht halten und fröhlich sein“. Geiler von Kayserberg, Franziskanerprediger am Strassburger Münster, meinte: „Die Christliche Catholische Kirche erlaubet eine ehrliche recreation und Wollustbarkeit, damit ihre geistliche Kinder desto williger seyn, die heilige Fasten zu halten.“ Am Collegium Germanicum, dem ältesten Priesterseminar der Welt in Rom, wurde jährlich ein „Narrenkönig“ gewählt. Er führte während des Karnevals das Regiment. Protestantische Reformatoren verstanden dagegen beim Fasching keinen Spaß und brachen abrupt mit der katholischen Faschingstradition.

Das sprichwörtliche mittelalterliche „Narrenschiff“ ist vollbesetzt mit Personen, die nur dem eigenen Vergnügen frönen. Auf Holzschnitten und Bildern sind Frauen und Männer geistlichen Standes reichlich auf den „Narrenschiffen“ vertreten. Sie reisen unter geblähten Segeln „gen Narragonien“. Einen anderen Kurs hält dagegen das „Schiff des Heiles“ mit dem „Mastbaum des Kreuzes“. Es steuert den „Hafenplatz des ewigen Lebens“ an. So machte sich das Mittelalter die religiöse Dimension des Faschings als reinigenden Bussakt deutlich: Durch Darstellung und Spiel der verkehrten Welt sollte die rechte Ordnung um so deutlicher erscheinen. Am Aschermittwoch war die Narretei vorbei. Die Narrenkappe mit den „Eselsohren geistlicher Trägheit“ und den „Schellen der Lieblosigkeit“ wurde abgelegt.

Empfehlungen für den Fasching kamen auch von Bischöfen. So wollte der Mainzer Bischof Haffner „fast eine Ketzerei darin sehen“, würde der Fasching abgeschafft. 1993 empfahl der Münchner Erzbischof, Friedrich Kardinal Wetter, den Fasching als „heitere Revolte gegen niederdrückenden, auslaugenden Stress“. Er verschaffe „gesunden Realismus, damit wir uns nicht wichtiger nehmen, als wir tatsächlich sind“.

Dieser Aufforderung schliessen wir uns in unserem modernen, dem Individuum zunehmend weniger Zeit lassenden Umfeld natürlich gerne an.


Ursprung der Guggenmusiken - um 1900 direkt aus Basel,  oder?


Für die Zeit um die Jahrhundertwende darf die Existenz von Guggenmusiken als sicher angenommen werden, wenn wir beispielsweise 1902 vernehmen, dass die "Wasserwerkler-Musik" am Mittwochnachmittag "grosse Heiterkeit" erzeugte und im Jahr danach eine "Tiroler Damenkapelle" und weitere "kostümierte Musikabteilungen fleissig ihre lustigen Weisen ertönen liessen". Das Wort "Guggenmusik" begegnet uns das erste Mal 1906 im "Verzeichnis der Fastnachtszüge" neben zehn anderen Musiken: Eine "Guggenmusik" spielte als Sujet die Deutschlandreise der "verkrachten" Stadtmusik Concordia aus. Ob sich hinter der Gruppenbezeichnung "Krachauers" auf derselben Liste eine weitere Guggenmusik versteckt, konnte nicht ausfindig gemacht werden. Zum Mittwoch-Morgenstreich wurde übrigens in der Presse gemeldet: "An neuen Zügen traten, so viel wir bemerken konnten, eine originelle Katzenmusik auf und ein nicht minder origineller Mandolinenklub". 1907 sah der Berichterstatter am Morgenstreich "einen Trupp Bremer Stadtmusikanten, die auf ihren Instrumenten ein Geräusch erzeugten, das 'Stein erweichen, Menschen rasend machen kann'...". Vom Montagnachmittag wird dann gemeldet: "Von den einzelnen Wagen, welche durch die Strassen zogen, riefen besondere Heiterkeit hervor die 'Saharet' der Guggenmusik"; ihr Fasnachtszettel hat sich erhalten. Beim Umzug vom Mittwochnachmittag ist ausserdem von einer "Trost-Clique" die Rede, einem Musikkorps in Trauerkleidung, welche das Fernbleiben der Basler Musikvereine ausspielte, die wegen der offensichtlich nicht übergrossen Subvention nicht mitzumachen gewillt waren. Die Clique spielte den Trauermarsch von Chopin "grotesk".

Am Morgenstreich 1908 "lässt eine Blechmusik ihre zum Himmel schreienden Weisen erschallen und kaum fünf Schritte weiter lässt es einem die richtige 'Tschinnerättemusik' durch Mark und Bein fahren". Zwischen 1911 und 1914 nahm regelmässig die "Alt-Guggenmusik Horburg" an den vom Comite (gegr. 1910) organisierten und subventionierten Umzügen teil. Diese Guggenmusik setzte sich möglicherweise aus Mitgliedern des Musikvereins Horburg (Industriequartier in Kleinbasel) zusammen. Für 1913 entnehmen wir dem offiziellen Führer des Fasnachts-Comites, dass auch eine weitere Guggenmusik mit dem Sujet "Waggismusik" gemeldet war. An die Beteiligung von Guggenmusiken am Morgenstreich von 1914, dem letzten für mehrere Jahre, kann sich ein alter Fasnächtler noch gut erinnern: "D Melody hesch miesse verroote".


In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg sind Guggenmusiken zwar bald wieder unterwegs, doch offensichtlich eher am Morgenstreich und an den Abenden. Von "Unbaslerischem am Morgenstreich" lesen wir 1923 im "Briefkasten des Publikums": "In den Restaurationen der innern Stadt trieb sich eine richtige 'Guggenmusik' herum, die da und dort ein Stücklein spielte und dann mit dem Hut einsammeln ging", was der Einsender als"Unzeug" betrachtete und zu "energischem Protest" veranlasste. Aber mit den Musiken am Morgenstreich war es nicht mehr grossartig bestellt. Obwohl noch im Vorjahr "einige kleinere 'Guggenmusige' den Tumult erhöhten", schreibt 1931 ein Einsender in den "Basler Nachrichten": "Zu wünschen wäre auch noch eine Wiederbelebung des Morgenstreichs durch Musikkorps, wie auch dies noch vor dem Kriege der Fall war. Es brauchen gar keine richtigen Musikkorps zu sein, einige wenige wirkliche Instrumente genügen, das übrige wird durch Lärm und Rhythmus ersetzt und erzielt vollkommen die gewünschte Wirkung. Solche Gruppen und Grüpplein würden den ganzen Betrieb günstig beeinflussen. Das Fasnachtscomite des Quodlibet unterstützte denn auch speziell solch belebende Gruppen am Morgenstreich, wenn auch meistens nur in 'Natura', was aber doch willkommen war". 1934 meldet dann ein Journalist vom Morgenstreich: "... da rasselte rücklings, nach alter Väter Sitte auf dem Trottoir, die erste Guggemusik mit ohrenbetörendem Getschätter vorbei. Das gibt es also wieder? Bravo!" Auch in den folgenden noch bis zum Kriegsausbruch verbleibenden Jahren begegnen wir ständig Erwähnungen von Guggenmusiken (allerdings mit wechselnden Bezeichnungen), die "mit schmetterndem Getöse nahen", "bäumig schränzen" und "vorüber rasseln". Doch die Guggenmusiken, unter den durchschnittlich acht zwischen 1911 und 1939 subventionierten Musikgruppen sicher die Minderheit, sorgten für Veränderung des fasnächtlichen Musik-Geschmacks: "Könnte nicht auch die musikalische Belebung der Banden baslerischer und fasnächtlicher um- und ausgestaltet werden? Der Aufmachung einzelner Musikgruppen fehlte am gestrigen Nachmittag auch wirklich jeder Hauch fasnächtlichen Geistes! Sollte die Anpassung tatsächlich so schwierig sein? Wir glauben nicht. Sicherlich dürfen die Musikgruppen in Zukunft nicht mehr solche Fremdkörper im Bild unseres Fasnachtsbildes darstellen, wie dies gestern teilweise der Fall war". Damit waren selbstverständlich jene Musikvereine gemeint, die nach Noten spielten und - wie Fotos der dreissiger Jahre zeigen - auch von der Kostümierung her nicht besonders originell die Umzugsroute abschritten. Statt sich nach obigem Wunsch fasnächtlicher zu geben, distanzierten sich die Musikvereine von einer Teilnahme an der Fasnacht, weil "die Guggenmusiken immer mehr überhand nahmen".


Auch an den "Konservenfasnachten" 1940-1945 (ohne Strassenfasnacht) waren die Guggenmusiken zu hören - allerdings bloss in geschlossenen Räumen, in Wirtschaften, an Bällen und auch am "Monstre-Trommel-Konzert". Diese seit 1906 bestehende Vorfasnachtsveranstaltung wurde bereits 1909 durch den Vortrag einer Blasmusik (Musikverein Amicitia) mitgestaltet, was sich später (z.B. 1918) wiederholte. Bald nach der Gründung der "Jeisy Migger-Guggenmuusig" nach der Fasnacht 1926 war auch der Auftritt dieser Guggenmusik während über 25 Jahren ein fester, wenn auch nicht im Programm figurierender Bestandteil des "Monstre" im "Küchlin-Theater". Nur ein einziges Mal - an der ersten Nachkriegsfasnacht 1946 - machten sie auch an den Umzügen von Montag und Mittwoch mit. Insgesamt sieben Musikgruppen - nun alles Guggenmusiken - waren für diese Fasnacht beim Comite gemeldet. Sie trugen Namen wie "Dreiroserampe-Schränzer-Guggemusig", "Chnullerifurzguggerabbsi", "Schluch-und Guggemusig Breiti" (auf einem Auto) und "Studio Neubad-Guggemusig". In den folgenden Jahren erscheinen immer mehr Guggenmusiken in den Verzeichnissen des Fasnachts-Comites. Zunächst teilweise noch mit wechselnden Bezeichnungen wie beispielsweise die "Schotten-Clique" (gegr. 1947), die über "Hirschenegg-Schotte", "Hirschenegg-Clique" und "Schotteclique Hirschenegg" zu ihrem heutigen Namen fand. Wie das Guggenmusikwesen in Basel sich seit 1946 entwickelt hat, zeigen diese wenigen Zahlen, welche nur die beim Comite gemeldeten Gruppen berücksichtigen: 1946 = 7 / 1956 = 13 / 1966 = 24 / 1976 = 38 1985 = 67 / 1995 = 70 / 1996 = 75 / 1997 = 78


Wie wir gesehen haben, sind für Basel Guggenmusiken bereits um 1900 bezeugt. Die Stadt am Rheinknie ist also Ursprungsort der "Guggenmusikbewegung", die inzwischen Landes- und Sprachgrenzen überschritten hat. Allerdings wurden teilweise auch andere Lärmformationen mit der jüngeren Guggenmusik verschmolzen oder leben in Koexistenz mit ihr. Es soll hier nicht noch eine Geschichte des Guggenmusikwesens des ganzen Landes angeregt werden. Immerhin sei darauf hingewiesen, dass z.B. in Luzern, Zürich und Solothurn direkt und/oder indirekt Basler Guggenmusiken imitiert wurden. In Luzem, wo 1948 eine Basler Formation am Fritschi-Umzug teilnahm, wurde noch an der gleichen Fasnacht eine Gruppe auf Initiative des in Luzern wohnhaften Baslers Sepp Ebinger gegründet. Diese Musik nahm im Jahr darauf an der Zürcher Fasnacht teil, wo bereits 1948 durch zwei Basler Originale, Lucca und Wiesely, eine Guggenmusik improvisiert worden war. In Solothurn schliesslich, wo eine "Chesslete" schon lange den Fasnachtsbeginn bildet, liess sich 1949 der Obmann einer Fasnachtszunft an der Basler Fasnacht inspirieren und gründete mit den Zunftmitgliedern kurz darauf die erste Solothurner Guggenmusik. Auch diese und selbstverständlich noch weitere Orte wurden rasch zu Innovationszentren, vornehmlich für ihre jeweilige Region. Durch die rege Reisetätigkeit, verbunden mit der Teilnahme an auswärtigen Fasnachtsveranstaltungen, ist die Guggenmusik als fasnächtliche Unterhaltungsform längst in allen umliegenden Staaten bekannt und beliebt und findet sogar Nachahmung, wie die 1975 in Offenburg gegründete Guggenmusik beweist.